courtesy
bp
bp

Gedanken zu Ostern 
Monika Schmid

Biblischer Text: Johannes 20,11 – 18

«Er ruft uns, uns Frauen ins Leben»

Noch eine Weile stehen sie beieinander Maria, die Mutter von Jesus und die Frau, die Jesus mit ihren Tränen die Füsse gewaschen, sie mit ihrem Haar getrocknet und mit kostbarem Öl gesalbt hatte.Sie stehen beim Kreuz. Jesus stirbt.
In den Tränennassen Augen von Maria sieht sie die Tränen, von Millionen von Müttern, die um ihre Kinder bangen… Mütter die um ihre Kinder trauern, um die Ungeborenen und geboren Kinder, gestorben in Kriegen, verhungert,
verletzt, missbraucht… «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» Der Schrei von Jesus hallt nach in ihrem Herzen. Sie kann nicht mehr glauben. Es bleiben nur die

Tränen, diese hält sie ihrem Gott entgegen und SEINEM Gott. Mit tränenerstickter Stimme flüstert sie leise: «Sammle du meine Tränen in deinen Krug…»
Sie bleibt da. Sie sieht, wie sie Jesus vom Kreuz nehmen und in weisse Tücher wickeln. Sie tragen ihn weg. Sie geht mit und sieht in welches Grab sie ihn legen. Den schweren Rollstein schieben sie vor den Eingang des Grabes. Niemand hat den toten Körper gesalbt. Niemand hat ihm den letzten Liebesdienst erwiesen. Es musste schnell gehen, der Sabbat war angebrochen.
Sie erinnert sich, wie sie ihm die Füsse gesalbt hat…
Gestern Abend noch, da hat er ihre brennend heissen Füsse mit seinen Händen gekühlt, als er mit seinen Freunden gegessen hatte. Sie war den ganzen Tag unterwegs gewesen, immer auf den Füssen. Es war so viel vorzubereiten gewesen auf das grosse Fest. Er hatte es gespürt und ihre Füsse in seine Hände genommen. Beim Aufräumen fand sie das kleine Stückchen Brot, wie hingelegt für sie. Ein Stückchen Brot und doch so viel mehr. Und jetzt liegt er dort, tot.
Sie geht ziellos durch die engen Gassen von Jerusalem. Was soll sie zu Hause? Ruhelos ist ihr Herz. Sie geht den Weg zum Ölberg hinauf,
dahin hat es IHN immer wieder gezogen. Hier hat er über Jerusalem geweint… Nach dem Sabbat, da will sie nochmals zu ihm, ihm den Liebesdienst erweisen und seinen Leichnam salben.

Noch ist es dunkel,
sie ist auf dem Weg zu seinem Grab. Die Gassen von Jerusalem sind verschlafen still. Alle Kraft wird sie brauchen, um den schweren Rollstein vom Eingang des Grabes wegzuschieben. Wie soll sie das schaffen?
Aber… da ist schon jemand, da unten beim Grab, eine Frau…
Hat sie den Stein schon weggenommen? Das Grab ist offen…
Ihr Herz pocht ganz schnell. Sie ist ausser Atem. Es ist Maria, Maria aus Magdala. Sie hatte Jesus sehr lieb. Maria weint.
Sie bleibt stehen.
Die Sonne geht auf und die ersten Stahlen scheinen direkt ins offene Grab. Seltsam… wie ruhig sie plötzlich geworden ist.
Gerade noch war ihr Herz so unruhig und schwer und jetzt diese Ruhe.
Sie geht zu Maria und legt ihr ganz sacht den Arm um die Schulter. «Maria komm, ER ist nicht hier, er ist auferstanden.»
Woher kamen ihr diese Worte? Wer hatte ihr diese Worte in den Mund gelegt? Woher wusste sie…? Auferstanden?
Maria nickt.
«Er hat mich beim Namen gerufen! Er ruft uns.»
Marias Stimme ist jetzt ganz fest.
«Verstehst du? ER ruft uns, uns Frauen!
Er ruft uns heraus aus den Toten ins Leben in eine Zukunft mit ihm, ohne ihn…»
Das Stückchen Brot, am Abend, als er mit seinen Freunden gegessen hatte… Das Stückchen Brot, war es nicht wie hingelegt für sie. Ein Stückchen Brot und doch so viel mehr. Ein Vermächtnis. Und noch einmal hört sie Maria sagen: «Er ruft uns, uns Frauen. Er ruft uns heraus aus den Toten ins Leben.» Jerusalem ist in ein warmes Licht getaucht,
als die beiden Frauen zurück in die Stadt gehen.

Monika Schmid, Gemeindeleiterin in Effretikon