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Bruder Kletus Hutter, 44, lebt als Bruder auf Zeit für drei Jahre im Kapuzinerkloster Rapperswil. Um das soziales Engagement der Kapuziner in Frankfurt kennen zu lernen, durfte er vom 2. – 21. Januar 2015 im Franziskustreff ein Praktikum absolvieren. Er berichtet von seinen Erfahrungen:

Zugegeben, etwas seltsam ist es mir schon zumute, als ich vor der Pforte des Kapuzinerklosters bei der Liebfrauenkirche in Frankfurt stehe. Voll bepackt stehe ich nun also hier direkt aus Rapperswil (Schweiz) kommend mit grosser Tasche, Rucksack, Laptop und meinem Schwyzerörgeli. Eigentlich bin ich für ein Kurzpraktikum hier angetreten und nicht um in die grosse Stadt auszuwandern. Der Blick auf mein Gepäck könnte anderes vermuten. Aber alleine mit viel Gepäck stehe ich nicht auf dem Platz. Ein Mann mit Bart und seinem Hab und Gut in Taschen wartet bei den hunderten von Kerzen, die vor der Kirche brennen. Ich bin bereits gespannt, ob ich diesem Menschen bei meiner Arbeit im Franziskustreff noch begegnen werde. Dazu bin ich schliesslich nach Frankfurt gekommen, den Franziskustreff, seine Gäste, die Mitarbeitenden und die Brüder hier kennen zu lernen. Mit grosser Spannung erwarte ich den kommenden Tag.

„Aha, ein Schwiiiiizer“
Mein erster Arbeitstag im Franziskustreff. Und schon diese Aufgabe: Vor die Türe stehen und die Gäste mit Handschlag begrüssen. „Platziere dich gut“, meint Gregor, „die Gäste wollen schnell rein in die Wärme kommen.“ Ein bisschen nervös bin ich schon, als ich die Türe öffne. Die Hand den ersten Gästen entgegenstreckend und mit dem reinsten Hochdeutsch, das mir die Lehrerinnen und Lehrer in meiner Schulzeit beibringen wollten, hole ich aus zu einem freundlichen „Guten Morgen“. Als Antwort darauf höre ich bereits einen Gast zu mir sagen: „Guten Morgen, aha, ein Schwiiiiizer.“ Beim Kaffee servieren spricht mich später ein weiterer Gast an in einem Schweizerdeutsch, das wohl ähnlich klingt, wie wenn ich mein Schriftdeutsch als Hochdeutsch verkaufen möchte. Er war auch schon in der Schweiz, im Tessin, aber mehrheitlich auf der italienischen Seite. Dort sei es billiger. Den berühmten Schweizer Schriftsteller Max Frisch findet er gar nicht so intellektuell wie alle sagen. Ich muss ihm zu meiner Schande gestehen, dass ich eigentlich nur Frisch’s Werk „Andorra“ kenne und dieses Buch sehr schätze. Ein interessantes Gespräch entsteht. Kurz vor der Schliessung des Treffs stellt dann ein Herr mit akzentfreiem Schweizerdeutsch fest, dass ich wohl auch aus der Schweiz komme. „Jo, vo Rapperswil“, gebe ich zur Antwort. „I bi vo Züri“, kommt es lachend zurück. Wie klein ist doch die Welt.

Gute Geister
Ich bin beeindruckt wie viele ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich im Franziskustreff engagieren. „Ohne sie könnten wir das Ganze gar nicht bewältigen“, erklärt mir Regina, während wir zum Kaffeehaus Wacker unterwegs sind. Eine Tasche voll Qualitätskaffee dürfen wir abholen. „Den besten in ganz Frankfurt!“, wie mir ein Gast erklärt. Auch zahlreiche Gaben von Bäckereien oder anderen Firmen werden dem Franziskustreff geliefert oder können abgeholt werden. An einem Morgen besuchen zwei elegant gekleidete Damen unsere Gaststube und bringen zwei Taschen voll frischem Obst. Die Früchte werden schön auf einem Tablett angerichtet und den Gästen serviert. Sie finden schnellen Absatz. Es gibt viele Menschen die helfen wollen und dazu beitragen, dass Orte wie der Franziskustreff existieren können. Hier spielt sich Kirche ab, das spüre ich sofort. Auch wenn das Wort „Gott“ oder „Glauben“ nicht fällt. Viele Gäste und auch Engagierte spüren, dass da noch EINER mit dabei ist.
Wenn ich mich in die Kirche zur Stille zurückziehe, sind in den hinteren Reihen häufig Obdachlose anzutreffen. „Wenn morgens um 6.00 Uhr die Kirche geöffnet wird, sind einige von ihnen bereits da und gehen in die Kirche um sich aufzuwärmen“, erklärt mir Adam. Auf der Suche nach Wärme in die Kirche gehen. Dieser Gedanke beschäftigt mich noch lange. Finden Suchende die Wärme, die sie erhoffen in unserer Kirche, in unseren Pfarreien?

Die lieben Euros
Bei meinen täglichen Spaziergängen durch die Stadt begegne ich oft einem übergrossen „Euro Monument“ im Bankenviertel. In den meisten „Wolkenkratzern“, welche die Frankfurter Skyline zieren, haben sich verschiedene Banken niedergelassen. Imposant ragen die Hochhäuser in den Himmel. Mich stimmen die Gegensätze in dieser Stadt nachdenklich. Auf der einen Seite diese Geschäftshäuser der Banken, Arbeitsräume und Denkmäler zugleich, auf der andern Seite die Menschen, die auf Hilfe angewiesen sind. Die Gäste des Franziskustreffs sind tagsüber in der Innenstadt immer wieder anzutreffen. Das freut mich sehr. Einige von ihnen erkenne ich wieder bettelnd am Strassenrand. Mit genügend Euro lässt sich’s gut leben in Frankfurt, mit wenig Geld ist’s schwerer, trotz der sozialen Dienste, die diese Stadt anbietet. Ich gehe am Nachmittag in ein Strassencafé und bestelle mir einen Kaffee. Ohne Probleme bezahle ich 2.20 Euro dafür. Dabei ertappe ich mich, wie ich ausrechne, wie viele Frühstücke im Franziskustreff sich Herr X dafür leisten könnte. Ich beschliesse, solche Rechnungen in Zukunft nicht mehr vorzunehmen. Mein privilegierter Besuch im Strassenkaffee ist nach dieser Rechnerei nicht mehr der gleiche Genuss. Auch diese meine Gedanken, stimmen mich nachdenklich.

Auf Wiedersehen
60 Liter Kaffee, 15 Liter Tee, 10 Liter Kakao (dreimal in der Woche) 8 kg Butter, 12 kg Aufschnitt, 16 Gläser Marmelade, 40kg Brot, 160 Stücke Kuchen, 6kg Nutella,….. Zahlen eines Tages Durchschnittverbrauchs mit 160 Gästen im Franziskustreff. Zahlen, die jedoch nicht einfangen können, wie das Essen und die Atmosphäre hier von den Gästen und auch Mitarbeitenden geschätzt wird. Mein Praktikum geht zu Ende. Das Gepäck steht bereit. Zum Abschied schenkt mir das Leitungsteam des Treffs ein Nutella Glas der besonderen Art: Es steht mein Vorname darauf. Ich freue mich sehr über diese Aufmerksamkeit. Einige haben wohl bemerkt, worauf ich mich beim Frühstück der Mitarbeitenden vor der Öffnung des Treffs immer besonders gefreut habe. Viele Eindrücke, Gesichter und Erfahrungen nehme ich mit zurück in die Schweiz. Es sind vor allem Erinnerungen an beeindruckende Menschen, seien es Gäste, Mitarbeitende oder auch Brüder von Liebfrauen. Dankbar, diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen, steige ich in den Zug, der mich wieder in die Schweiz fährt. Wenn immer von Frankfurt in den Medien die Rede ist, habe ich nun die Gesichter von ganz besonderen Menschen vor Augen. Was gibt’s Schöneres?

Br. Kletus Hutter