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Profitiert vom Klosternahen Wohnen: Thomas Schubiger (54) in seinem Studio. Bild: Manuela Jans-Koch
Profitiert vom Klosternahen Wohnen: Thomas Schubiger (54) in seinem Studio. Bild: Manuela Jans-Koch

Bericht über Klosternahes Wohnen von  Astrid Longariello (Luzerner Zeitung)

WESEMLIN Das Kapuzinerkloster bietet ein Leben im klösterlichen Umfeld an für Menschen, die nach Spiritualität suchen. Das Angebot ist beliebt und voll ausgelastet auch Thomas Schubiger nutzt es.

Das Kapuzinerkloster Wesemlin geht neue Wege. So bieten die Kapuziner spirituell suchenden Menschen die Möglichkeit, in einem klösterlichen Umfeld zu leben. Für 700 bis 900 Franken stehen interessierten Männern und Frauen zehn nicht möblierte Wohnstudios zur Verfügung. «Der Wunsch nach Verwurzelung und Beheimatung, nach einem Leben, das der Sehnsucht nach einem ‹Mehr› – im Sinne von mehr Spiritualität, mehr Sinn, mehr Leben – Rechnung trägt, ist in der heutigen Gesellschaft ein ganz wichtiges Thema. Spirituell geprägtes Leben ist gefragt», sagt der Kapuziner Bruder Josef Hollenstein.

Eine Antwort darauf sei das Angebot des Klosternahen Wohnens. Dafür würden die Kapuziner im Kloster Wesemlin Wohnstudios zur Verfügung stellen. Laut Bruder Josef Hollenstein müssen die Bewohner christlich sozialisiert, physisch und psychisch gesund, gemeinschaftsfähig und sozialkompetent sein. «Wir erwarten ausserdem eine Bereitschaft, sich auf das religiöse Umfeld einzulassen, nach Möglichkeit auch mitzutragen, und setzen eine finanzielle Unabhängigkeit sowie eine personale Selbstständigkeit voraus. Wir achten bewusst darauf, dass es auch altersmässig eine gute Durchmischung gibt», sagt Bruder Josef. Die Bewohner des Klosternahen Wohnens würden eigenständig bleiben, hätten jedoch die Möglichkeit, am Alltag der Kapuziner ein Stück weit teilzunehmen, führt er weiter aus. Mittlerweile sind alle zehn Studios vermietet, und es seien bisher ausschliesslich positive Erfahrungen gemacht worden, so seine bisherige Bilanz.

 

Vom gestressten Banker zum Beinahe-Kapuziner

Der 54-jährige Thomas Schubiger lebt seit Oktober 2015 bei den Kapuzinern in einem Klosterstudio. Aufgewachsen ist Schubiger in Rorschach. Dort absolvierte er eine Banklehre und war damals überzeugt, eine Grossbankenkarriere wäre genau das Richtige für ihn. Doch nach zehn Jahren spürte er, dass Grossbanken nicht unbedingt das Richtige für ihn waren, und er wechselte zu einer kleineren Bank. Nach weiteren zehn Jahren wollte er abermals einen neuen Weg einschlagen, entschied sich eine Weile für Kloster auf Zeit, wollte so ein bisschen Spiritualität und das Leben der Kapuziner kennen lernen.

Daraufhin wechselte er zur katholischen Kirchengemeinde in Davos und übernahm die Verwaltungsarbeit. «Doch auch diese Arbeit befriedigte mich nicht. Ich sass immer noch am Bürotisch und musste mich mit Computern herumschlagen», erinnert sich Thomas Schubiger. So entschloss er sich kurzerhand, Theologie zu studieren. «Auch die Möglichkeit, in ein Kloster einzutreten, zog ich in Betracht», erzählt er. Den Ausschlag, sich schliesslich für das Klosternahe Wohnen zu entscheiden, habe aber seine Wanderung über den gesamten Jakobsweg gegeben. Dreieinhalb Monate sei er von Davos nach Santiago zu Fuss unterwegs gewesen. Während dieser Zeit sei auch immer wieder der Gedanke aufgetaucht, doch in ein Kloster einzutreten. «Schliesslich fehlte mir jedoch der Mut dazu», so Schubiger. Heute arbeitet er beim Hilfswerk Fastenopfer und sammelt Gelder für die Armen und Benachteiligten. «Das Geld, das ich bei den Banken hereinholen musste, verteile ich heute wieder», lacht er. «Bei mir fand auch innerlich ein grosser Wandel statt. Als ich mich für das Klosternahe Wohnen entschied, war es für mich nicht mehr schwer, mich von vielen Dingen zu trennen. Ich musste von einer Dreieinhalbzimmerwohnung in ein Studio umziehen und somit nur das Nötigste mitnehmen. Heute fühle ich mich dadurch befreit und glücklich», ist Schubiger überzeugt.

 

Tiefgründige Gespräche mit den Kapuzinern

Das Leben im Kloster gefällt Thomas Schubiger sehr. Er geniesse die vielen Begegnungen mit den Mitbewohnern oder mit den Brüdern. Sei es nun morgens um sieben Uhr beim gemeinsamen Gebet oder bei den Mahlzeiten. «Immer wieder entstehen tiefsinnige Gespräche, die ich sehr schätze», erzählt er. Schubiger engagiert sich einmal wöchentlich für das Kloster, indem er in der Suppenstube hilft. Momentan sei diese Wohnart genau das Richtige für ihn. Er habe seine innere Ruhe und seinen Frieden bei den Kapuzinern gefunden.

Auch die Kapuzinerbrüder haben sich mittlerweile an das «Miteinander unter einem Dach» gewöhnt. Bruder Josef Hollenstein weiss, dass es sich anfänglich nicht für jeden Bruder ganz einfach gestaltete. «Doch heute stimmt es für alle fünfzehn noch im Kloster lebenden Brüder. Nachdem das Kapuzinerkloster Wesemlin in den letzten Jahren renoviert werden musste, kommt es uns auch finanziell zugute», resümiert er. Laut Bruder Josef sind bereits andere Kapuzinerklöster auf ihr Angebot aufmerksam geworden und würden eine derartige Wohnform ebenfalls in Betracht ziehen.

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