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Gedanken zum Karsamstag
Br. Beat Pfammatter

Karsamstag, der Tag, an dem Gott tot ist, der gottlose Tag! Tag der Grabesruhe.
In Stille, im Eingeschlossenen, immer tief unten im Verborgenen geschieht Wandlung,
ohne dass wir wüssten wie, wurzelt das Leben sich ein, um neu im Hoffnungsgrün auszuschlagen.

Aber was, wenn das zu Grabe tragen, das Trauern und Beweinen nicht oder nur schwer möglich ist?
So geschieht es jedenfalls drei syrischen Geschwistern (Fatima, Hussain und Bulbul)
im Roman «Der Tod ist ein mühseliges Geschäft» von Khaled Khalifa.
Die drei Geschwister fahren in einem Minibus mit der Leiche ihres Vaters auf dem Beifahrersitz von Damaskus nach Aleppo. Im Land herrschen Chaos und Willkür. Wie die Menschen damit umgehen? Mit Galgenhumor, mit Wut, Verzweiflung, Ohnmacht – davon handelt «Der Tod ist ein mühseliges Geschäft».
Ich lade dich ein, dich auf Fatima, Hussain, Bulbul und ihr schier unmögliches Unterfangen, soweit dir dies jetzt möglich ist, einzulassen.

«Welche Bedeutung hatte der Leichnam eines Vaters?
Die Frage war ebenso brutal wie real in dieser Nacht.
Alle drei dachten darüber nach, fanden aber keine klare Antwort.
Schweigen erfüllte den Minibus.
Das Getöse von Raketen und Panzergranaten kam näher.
Man bombardiere Homs, erklärte Hussain knapp, danach schwieg er wieder.
Würde ein Wunder sie aus dieser Trostlosigkeit retten,
die sich unmerklich in ihr Inneres grub?

 Fatima drehte das Fenster herunter. Ein frischer Wind blies herein.
Sie schlug vor, die Decken von dem Leichnam zu nehmen.
Keiner ihrer Brüder reagierte, und sie brachte nicht den Mut auf, es von sich aus zu tun.
Sie wischte das Wasser auf, dass sich auf dem Boden des Minibusses angesammelt hatte.
Die Eisklötze, die an den Leichnam gebunden waren, schmolzen dahin.
Fatima hatte Angst. Sie dachte an den schrecklichen Geruch von Toten. Ihre Finger zitterten.

Plötzlich erklärte Hussain, es bleibe ihnen nichts anderes übrig, als die Nacht in S. zu verbringen.
Er bog zum Dorf ab und fuhr schneller. Inzwischen war es stockdunkel geworden.
Die Strasse war voller Schlaglöcher. Der Bus schaukelte gefährlich hin und her.
Bulbul und Fatima hielten sich krampfhaft fest.
Der Leichnam schwankte, ohne sich an etwas festhalten zu können.
Für die Nacht fanden sie Unterschlupf bei Freunden aus früheren Zeiten.
Der Leichnam wurde in einem kleinen staatlichen Krankenhaus untergebracht.
Die schreckliche Last war von ihren Schultern genommen.» (S. 61f)

 «Bulbul wollte nur mehr schlafen und den Leichnam seines Vaters nach Anabija bringen.
Von dort aus würde er die Grenze zur Türkei überqueren und dieses Land für immer verlassen.
Ein neuer Gedanke, der ihm zusagte.
Schliesslich schlief er ein, doch sein Schlaf dauerte nur zwei Stunden.
Eine kräftige Hand schüttelte ihn. Er schrak auf.
Neben ihm stand Hussain und teilte ihm mit, das Krankenhaus wolle den Leichnam des Vaters sofort loswerden.
Bei einem Gefecht in der Nähe gefallene Soldaten seien im Krankenhaus eingetroffen.
Bulbul ging in die Pathologie, um mit seiner Unterschrift zu bestätigen, dass er die Leiche seines Vaters erhalten hatte.

 Der Anblick, der sich ihnen bot, war grauenhaft:
Über vierzig Leichen in Tarnanzügen lagen da, Körper, denen die untere Hälfte fehlte,
andere, denen der halbe Kopf weggeschossen war.
Im Erdgeschoss des Krankenhauses war eine Schar von Bewohnern des Ortes
und der umliegenden Dörfer versammelt,
die nach den Leichen ihrer Söhne und anderer Angehöriger suchten,
die in dieser Nacht ums Leben gekommen waren.
Ein Krankenpfleger beschimpfte den toten Vater, nannte ihn einen Terroristen.

Rasch bestiegen alle drei den Minibus.
Sie betrachteten das Gesicht des toten Vaters, das aufzuquellen begann.
Sie legten neben den Kopf des Toten ein paar Zweige Basilienkraut
und besprühten den Leichnam mit Parfüm.
Neben dem Toten tranken die drei schweigend ihren Kaffee
und warteten auf den Tagesanbruch.
Im Morgengrauen schaukelte das Auto aus dem Ort hinaus. Es war kalt.
Der Kölnischwasserduft breitete sich im Wageninnern aus und wirkte beruhigend.» (S. 71, 72f)

 

Ich frage mich: Wann ist für Hussain, Bulbul und Fatima endlich Karsamstag,
(ja, für all die Leidgeprüften der vergessenen Kriege in Syrien, Jemen, Ukraine…)
endlich Ruhe, damit Frieden und neues Leben anfangen kann zu keimen?
Wann wird ihnen Erbarmen zuteil, denn ihr Leid geht ohne Erbarmen weiter: Millionen Menschen vertrieben oder auf der Flucht,
zerstörte Leben,
zerstörte Kindheit,
zerstörte Familien,
zerstörte Gesundheit,
zerstörte Heimat,
zerstörte Zukunft.

Auch wenn die weltweite Corona-Krise
in unseren Lebens-, Gedanken- und Medienwelten zurzeit absolut bestimmend ist,
will ich heute am Karsamstag einen Tag Ruhe. Corona-Ruhe!

Heute will ich der Vergessenen in den vergessenen Kriegen gedenken.
Die internationalen Machtakteure, so macht es zumindest den Anschein,
haben Syrien, (Jemen, Ukraine…) als Schlachtfeld aufgegeben.
Aber da bleiben Menschen zurück, Menschen, die in eine Kriegs-Katastrophe geraten sind,
sich selbst nicht mehr helfen können.
Diese brauchen unsere Solidarität. Denn ihr Leid geht ohne Erbarmen weiter!

Bei diesem Gedanken beschleicht mich Ohnmacht. «Was kann ich denn schon tun?».

Ich will diese Ohnmacht, im scheinbar Hoffnungslosen, möglichst aushalten
und sei es nur für eine kurze Zeit; ein klein wenig mit-aushalten mit Fatima, Hussain, Bulbul und …

«Dieses hoffnungsvolle, ohnmächtig-wartende Mitfühlen –
ohne Hoffnung zu fühlen – soll heute
mein Gebet sein.» nach D. Steindl-Rast

Buchhinweis: Khaled Khalifa. Der Tod ist ein mühseliges Geschäft. Aus dem Arabischen von Hartmut Fähndrich. Rowohlt, 2018.