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Wie gelingt es, in Klöster, die viele Jahrhunderte überdauert haben, neues Leben hineinzubringen? Dieser Frage ging ein Podium nach, das im Luzerner Kapuzinerkloster zu Beginn der Europäischen Tage des Denkmals durchgeführt wurde (9. September 2016).

Als der 70jährige Kapuziner Josef Hollenstein vor genau 50 Jahren ins Kloster Wesemlin, Luzern, eintrat, lebten dort fast 70 Brüder. Heute sind es bloss noch 15. Dafür leben in einem Flügel des 1583 gegründeten Hauses zusätzlich zehn „klosternah Wohnende“.

Tief greifender Umbruch

Vor 50 Jahren traten zehn junge Männer ins Noviziat des franziskanischen Ordens. „Vor einem Jahr begannen hier ebenfalls zehn Menschen ein neues Leben.“ Thomas Schubiger, einer dieser klosternah Wohnenden, zog auf dem Podium diese Parallele. Im Oktober 2015 hat der Single eine 3-Zimmer-Wohnung gegen ein Studio im Kloster getauscht.

Dies war möglich, weil die Gemeinschaft der Kapuziner sich für das Projekt „Oase-W“ – W wie Wesemlin – entschieden hatte. Wohl nie in den über 420 Jahren seit Bestehen des Klosters gab es einen so tief greifenden Umbruch, bemerkte dazu Mirjam Breu als Moderatorin des Gesprächs.

„Radikaler Schnitt“

Entweder musste das Kloster in absehbarer Zeit wegen Personalmangel aufgegeben werden. Oder in einem „radikalen Schnitt“ waren neue Wege für sein Weiterbestehen zu finden. So skizzierte Damian Keller, der neue Wesemlin-Hausobere („Guardian“) die Situation, in der sich der Orden vor einigen Jahren befunden hatte.

Nach langen Diskussionen entschied sich die Gemeinschaft für die Oase-W. Die Brüder zogen sich in einen der Flügel des Hauses zurück und entwickelten dort neue spirituelle Angebote, ohne die bisherigen völlig aufzugeben. Den anderen Flügel öffnete sie für die „klosternah Wohnenden“. Ebenso zog dort auf zwei Stockwerken eine ärztliche Gemeinschaftspraxis ein, in der täglich rund 200 Patienten behandelt werden.

Weiterhin klösterlicher Charakter

Die recht weitgehende Öffnung forderte von den Brüdern etliche Umstellungen ab. Doch keiner sei gezwungen worden, die neuen Strukturen mitzutragen, unterstrich Damian Keller. Sie konnten in ein anderes, traditionelleres Kloster umziehen. Trotz der radikalen Neuausrichtung sei der klösterliche Charakter beibehalten wurde, fügte Bruder Damian hinzu.

Die klosternah Wohnenden seien bereit, im Rahmen ihrer Möglichkeiten sich in das Gemeinschaftsleben und in das Gebet einzubringen. Thomas Schubiger beispielsweise betreut einen Tag pro Woche die Suppenstube, in der jährlich über 3000 Randständige gratis verpflegt werden.

Spiritueller Garten

Die Öffnung des Klosters Wesemlin wird weitergehen. So soll der grosse Garten zu einem spirituellen Begegnungsort ausgebaut werden. Zwar steht er schon seit 15 Jahren den Betagten des nahen Pflegeheimes offen. Seit einigen Monaten haben hier auch Flüchtlinge und sowie Familien aus dem Quartier einen Gemüsegarten. Die öffentlichen Nutzungen werden intensiviert und ergänzt, ohne dass der Garten zu einem Rummelplatz wird.

Ein weiteres Projekt ist der geplante Neubau, in dem rund 30 Mietwohnungen angeboten werden. Er dient der Generierung von Einkünften. Denn anders als vor einem halben Jahrhundert können die Kapuziner nicht mehr weitgehend vom Bettel leben. Kaum einer von ihnen hat eine ausreichend bezahlte Lohnarbeit. Und die Gespräche im Sprechzimmer – Beichten und Beratungen sollen weiterhin unentgeltlich bleiben.

Spekulanten?

Werden die Kapuziner durch den Neubau zu Immobilien-Spekulanten, wurde im Verlauf der Gespräche gefragt. Tatsächlich liege hier eine spirituelle Herausforderung, gestanden die beiden Brüder auf dem Podium. Thomas Schubiger meinte, wenn die Kapuziner den Ort, an dem sie seit Jahrhunderten wohnen, mit andern teilten, sei dies spirituell bedeutsam.

Br. Walter Ludin