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«An Weihnachten zu predigen, ist fast einfacher als an Ostern.» (Bild: Pius
Amrein (12. Dezember 2016))
«An Weihnachten zu predigen, ist fast einfacher als an Ostern.» (Bild: Pius Amrein (12. Dezember 2016))

Weihnachten ist das Fest der Freude, das Fest der Liebe. Und die Krippe sagt sehr viel über uns aus, findet Bruder Hanspeter Betschart. Vor allem Ochs und Esel haben es ihm angetan. Interview: Dominik Buholzer  – Bericht aus der Luzerner Zeitung     

Als Hanspeter Betschart dem Kapuzinerorden beitrat, waren seine Eltern nicht ganz unbesorgt: «Mach uns nur keine Schande!», sagten sie ihm. Die Sorge war unbegründet. Bruder Hanspeter Betschart wirkte zuerst während 17 Jahren am Kollegium St. Fidelis in Stans, das damals von den Kapuzinern geleitet worden war. Danach verschlug es ihn nach Olten, wo er ebenfalls während 17 Jahren als Pfarrer in der Altstadtpfarrei von St. Martin am linken Aare­ufer wirkte. Viele Leute nannten ihn Stadtpfarrer. «Wobei man bei den Leuten in Olten nie sicher wusste, ob sie Stattpfarrer meinten, weil sie anstelle eines richtigen Pfarrers einen Kapuziner bekommen hatten», scherzt er über seine Zeit von damals. Vor gut einem Jahr kam er ins Kloster Wesemlin, wo er zu Beginn als Guardian wirkte.

Bruder Hanspeter Betschart, als wir den Termin für dieses Gespräch vereinbarten, war dies alles andere als einfach – und das mitten in der Adventszeit. Haben Sie eigentlich noch Zeit zur Besinnung?

Vor Weihnachten ist immer viel los – auch hier im Kloster Wesemlin. Viele von uns Brüdern engagieren sich zudem auch stark ausserhalb des Klosters. Manchmal sagen wir den Leuten, sie sollen sich im Advent nicht so hetzen lassen, sondern sich Zeit nehmen, und schon eilen wir aber selber bereits zum nächsten Termin. (lacht)

Wie stimmen Sie sich auf Weihnachten ein?

Ich führe jedes Jahr im Advent mit einer Gruppe eine Heilfastenwoche durch. Sie ermöglicht es mir, zur Ruhe zu kommen, neue Kraft zu tanken.

Freuen Sie sich eigentlich noch auf Weihnachten?

Auf jeden Fall. Weihnachten gefällt mir sehr, auch wenn es für mich wegen der zahlreichen Gottesdienste eher eine hektische Zeit ist. Aber am 25. Dezember am Mittag komme dann auch ich zur Ruhe.

Wird es Ihnen nicht mal zu viel?

Man entwickelt mit der Zeit eine gewisse Routine. Aber einmal hätte ich beinahe den Mitternachtsgottesdienst verschlafen. Ich war so müde nach den Gottesdiensten und den Feiern am frühen Abend, dass ich mich vor der Mitternachtsmesse hingelegt hatte. Auf einmal stand der Sakristan vor meinem Bett und rief mir zu: «Bruder Hanspeter, Sie müssen aufstehen. In 15 Minuten beginnt die Messe!» (lacht)

Mit welchen Erinnerungen ­verbinden Sie Weihnachten?

Ich bin in Hochdorf aufgewachsen. Weihnachten war für mich und meine Brüder die Krippe meines Grossvaters und Pastetli – einfach herrlich! Höhepunkt des Abends war für uns, wenn die Eltern «Oh, wunderbare Weihnachtszeit» im Duett anstimmten.

Jetzt leben Sie im Kloster. Machen sich die Brüder gegenseitig auch Geschenke?

Bei uns ist der Samichlaus der Tag des Schenkens. An Weihnachten sind wir für unsere Mitmenschen da.

Welche Erfahrungen machen Sie da?

Es gibt immer wieder sehr berührende Momente. Wir laden jedes Jahr die Gäste unserer Suppenstube zu einer Weihnachtsfeier ein. Im vergangenen Jahr nahm auch ein Arzt aus Usbekistan teil, der aus politischen Gründen in die Schweiz geflohen war. Als er ging, sagte er: «Seit langem fühlte ich mich heute Abend nicht mehr als Wegwerfmensch.» Solche Worte gehen unter die Haut.

Was kann uns Weihnachten heute bringen?

Weihnachten ist das Fest der Liebe, der Freude, aber auch der Gemeinschaft. Daran sollten wir uns gerade in diesen Tagen erinnern, wo wir so viel Terror erleben. Wir sollten diese Tage nutzen, einander aufrichtig und mit Freude zu begegnen. Weihnachten ist für uns alle eine Chance.

Für viele sind Weihnachten oftmals noch der einzige Berührungspunkt mit der Kirche. Ist dies ein Problem?

Im Gegenteil. Es ist wie bei einer Taufe oder Hochzeit: Solche Feste ermöglichen eine intensive Begegnung mit der Kirche. Wir geben uns aus diesem Grund besondere Mühe, dass wir alle ansprechen. Die Kirche braucht ein breites Dach.

Weihnachten nimmt in unserer Gesellschaft einen wichtigen Stellenwert ein, dabei ist doch für die katholische Kirche Ostern mit der Auferstehung Christi das ganz grosse, einschneidende Ereignis im Jahr.

Aus theologischer Sicht haben Sie völlig Recht. Aber ehrlich gesagt ist es fast einfacher, an Weihnachten zu predigen als an Ostern. Die Auferstehung von den Toten ist etwas sehr Abstraktes. An Weihnachten dagegen können wir die Leute beispielsweise mit Engelserfahrungen viel schneller ansprechen. Aber auch Geschichten von Ochs und Esel kommen immer sehr gut an. Es gibt übrigens einen schönen Witz dazu.

Schiessen Sie los!

Die Grossmutter geht mit Hansli in die Martinskirche und erklärt ihm die monumentale Tiroler Weihnachtskrippe: «Hansli, siehst du dort den kleinen Jesusknaben und seine Eltern Maria und Josef? Dahinter sind Ochs und Esel, davor stehen die Hirten mit ihren Schäfchen, oben leuchtet der Weihnachtsstern, und die Engel jubilieren.» Der kleine Hansli kann sich nicht genug satt- sehen an all diesen prächtigen Krippenfiguren. Und als die Grossmutter ihn endlich wieder wegziehen kann, dreht sich der kleine Hansli nochmals um und winkt allen zum Abschied: «Ciao, liebes Christkindli, adieu, Maria und Josef, auf Wiedersehen, Öchslein und Eselchen, tschüss, ihr Schäfchen und Hirten, bye- bye Weihnachtsstern und liebe Engelchen!» Dann gehen Grossmutter und Enkelkind durch das grosse Kirchenschiff zum Hauptausgang und kommen an einem Beichthäuschen vorbei. Pfarrer Hanspeter öffnet gerade den Vorhang und schaut neugierig hinaus. Da ruft ihm der kleine Hansli zu: «Auch dir ciao, ciao, lieber Kasperli!»

Was können wir von Ochs und Esel in der Weihnachtskrippe lernen?

Dass wir Menschen nicht sehr weit entfernt von den Tieren leben. Oft tragen wir Tiermasken und spielen ziemlich tierische Rollen. Wir lassen uns nicht gerne vor mühselige Ochsen- oder Eselskarren spannen. Wir sitzen viel lieber auf dem hohen Ross und kommandieren von oben herab. Es gibt aber noch eine andere Komponente.

Welche?

Jeder Ochse weiss, wo er zu Hause ist, und jeder Esel spürt, wo er hingehört. Wir Menschen irren oft so heimatlos herum, von Frage zu Frage, von Haus zu Haus, von einem goldenen Kalb zum anderen und von einem Götzen zum nächsten. Das ist das Schöne an einer Weihnachtskrippe. Letztlich steckt in jeder Figur ein Stück von uns selber, insbesondere bei den Tieren. Wir surren, meckern, bellen und rüsseln überall herum.

Sie sind ein heiterer Mensch, lachen viel, erzählen auch gerne mal einen Witz. Ist der katholischen Kirche diese Lockerheit abhandengekommen?

Ich denke nicht, dass man dies so behaupten kann. Fröhlichkeit ja, aber die Kirche darf nicht flatterhaft sein. Schon gar nicht an Weihnachten, da brechen auch immer wieder Wunden auf. Wenn eine Familie zum Beispiel ein Kind verloren hat, dann macht dies das Weihnachtsfest schwer.

Was macht Ihnen am meisten zu schaffen?

Am schlimmsten sind für mich jene Trauergottesdienste, bei denen es gilt, Abschied von einem kleinen Kind zu nehmen. Da muss ich jedes Mal mit den Tränen kämpfen.

Stossen Sie in solchen Situationen auch mal an Ihre Grenzen?

Das kann schon mal vorkommen. Ich sage mir bei solchen Trauergottesdiensten, dass es nichts bringt, wenn ich jetzt auch noch weine. Das gelingt nicht immer. Ich musste deswegen auch schon mal kurz innehalten, um mich wieder zu fassen.