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Thomas Schubiger (54) teilt seinen Wohnraum in einem Luzerner Kloster und serviert Mahlzeiten aus abgelaufenen Lebensmitteln. 


„Freitags stehe ich um sechs Uhr auf. An meinem freien Tag habe ich die Ruhe, um den Tag mit der Meditation und dem Morgengebet zusammen mit den Kapuzinern zu beginnen. Vor einem Jahr zog ich von einer 3,5-Zimmer- Wohnung in ein Studio des Kapuzinerklosters Wesemlin. Damals musste ich entscheiden: Was ist mir wirklich wichtig? Alles, was ich heute besitze, hat in diesen vier Wänden Platz. Das Loslassen war eine grosse Erleichterung. Ich teile nun mit sechs Frauen und drei Männern Küche, Stube, Terrasse – und vor allem den Tisch. Das klosternahe Wohnen gibt mir Gemeinschaft und Ruhe, vor allem auch innere Ruhe. Neben meiner Tätigkeit bei Fastenopfer engagiere ich mich in der Suppenstube des Klosters. Dort wird Essen für Armutsbetroffene serviert. Ein grosser Wandel für mich als ehemaliger Bankangestellter. Nach dem Frühstück um acht Uhr erledige ich meinen Haushalt. Später bereite ich die Tische der Suppenstube vor. Um elf Uhr öffne ich die Tür für alle, die sich keine Mahlzeit leisten können. Einige sind Stammgäste. Ich reiche die Hand. Wir duzen uns alle. Heute gibt es Gerstensuppe, Salat, Schnitzel mit Spaghetti und Gemüse, zum Dessert Vanilleflan. Die Zutaten liefert die „Schweizer Tafel“, die ihr Büro und Lagerraum im Kloster hat. Sie holt bei Grossverteilern und Detaillisten abgelaufene, aber einwandfreie Lebensmittel ab. Weitergeben statt wegwerfen! Nach dem Essen und einer Siesta bringe ich Guetzli, Apfelringe und Tee an den Luzerner Weihnachtsmarkt, wo das Kloster einen Verkaufsstand hat. Anschliessend serviere ich den Gästen der Suppenstube das Nachtessen.

Ein besonderer Abend ist die Adventsfeier mit den Stammgästen der Suppenstube am 19. Dezember: Es gibt Musik, ein kleines Geschenk, die Weihnachtsgeschichte und ein besonders feines Nachtessen. Letztes Jahr hat mir ein Besucher gesagt: „Zum ersten Mal seit sehr, sehr langer Zeit bin ich mir heute nicht als Wegwerfmensch vorgekommen. Um 20 Uhr schliesse ich die Tür der Suppenstube. Es bleibt noch Zeit für die Zeitung oder ein Glas Wein in kleiner Runde in der gemeinsamen Küche. Um 21 Uhr gehe ich zu Bett.“

Patricio Frei, Fachverantwortlicher Medien bei Fastenopfer Luzern
Aus: Dossier – Brot für alle / Fastenopfer