Dreizehn Kerzen und kein Spaziergang
Fatima hat mich nicht bloss beeindruckt, es hat etwas in mir verschoben. Ich begleitete eine Pilgergruppe und rechnete damit, einen bekannten Wallfahrtsort kennenzulernen, doch ich begegnete einer Erfahrung, die sich kaum in Worte fassen lässt und gerade deshalb nachklingt. Bei uns in der Schweiz zeigt sich der Glaube meist leise: in einer Kerze vor dem Marienbild, in einem stillen Gebet, in einem kurzen Gespräch nach dem Gottesdienst. In Fatima dagegen wird er sichtbar, mit Tränen in den Augen, Kerzen in den Händen und einer Sehnsucht, die niemand versteckt.
Kaum jemand ist dort bloss Besucher, denn alle kommen mit einem Anliegen, und manche Sorge wiegt schwerer als jedes Gepäckstück. Einige rutschen auf den Knien dem Heiligtum entgegen, andere beten schweigend, wieder andere weinen offen, und niemand schämt sich dafür. Der Unterschied zu einem Spaziergang am Luzerner Seeufer ist gewaltig, denn hier schlendert man nicht, hier wird man getragen. Mitten in diesem Strom wurde mir bewusst, wie klein und zugleich wie kostbar die eigene Geschichte ist. Demut entsteht nicht durch grosse Worte, sie wächst dort, wo man erkennt, dass jeder eine Last trägt und trotzdem weitergeht.
Besonders berührt hat mich das abendliche Rosenkranzgebet, bei dem sich Menschen aus aller Welt um die Marienstatue versammeln. Polnisch, Portugiesisch, Deutsch, Italienisch, Französisch, Kroatisch, Malayalam und manche Sprache, die ich nie zuvor gehört hatte, erfüllten den Platz. Vieles verstand ich nicht, und doch verstand ich alles Wesentliche, weil das Vaterunser und das «Gegrüsst seist du, Maria» zu einer Sprache des Herzens wurden. Eines Abends traten drei Menschen aus meiner Heimat nach vorne und beteten in meiner Muttersprache, und mir war, als reichte mir mitten in der Fremde jemand die Hand. Danach wurden die Kerzen entzündet, und die Prozession floss wie ein leuchtender Strom durch die Nacht, als hätte sich ein Sternenhimmel auf die Erde verirrt. An drei Abenden durfte ich dieses Lichtermeer mittragen, und manchmal begegneten mir mitten darin Schweizerinnen und Schweizer, die gar nicht zu unserer Gruppe gehörten.
In diesen Stunden begriff ich, was «katholisch» wirklich heisst, nämlich nicht Etikett oder Institution, sondern Weite. Dort sagt man, niemand komme ohne Einladung Mariens nach Fatima, und wer einmal eingeladen sei, werde wieder eingeladen, weshalb ich leise glaube, dass wir wiederkommen werden. Auch die Zahl 13 hat dort ihren Schrecken verloren, denn die Erscheinungen fanden an einem Dreizehnten statt, und Schwester Lucia starb an einem Dreizehnten. Was anderswo als Unglückszahl gilt, wird dort zum Zeichen des einen Gottes in drei Personen und damit der Hoffnung.
Zurück in der Schweiz, wo vieles geordnet, pünktlich und gut organisiert ist, denke ich oft daran, wie sehr uns Zuständigkeiten, Regeln und die Frage nach dem Gültigen beschäftigen. All das hat seinen Platz, doch Fatima hat mich erinnert, dass die Kirche nicht in Sitzungszimmern und Aktenordnern lebt, sondern dort, wo Menschen beten, hoffen, leiden und vertrauen. Die Kranken, die auf Heilung hoffen, und jene, die ihre Rosenkränze segnen lassen, zeigen, dass Glaube kein blosser Gedanke ist, sondern gelebtes Leben. Wer im Glauben fällt, fällt nicht ins Leere, sondern in Gottes Hand und in die Gemeinschaft all jener, die mittragen. Fatima liegt in Portugal, doch seine Botschaft kennt keine Grenzen und begleitet mich bis hierher ins Wesemlin, denn die Weltkirche beginnt überall dort, wo jemand ein Licht weiterreicht, sei es eine Kerze, ein Gebet oder die stille Gewissheit, dass wir nie allein gehen.
- bruder george