Ein Auftakt, der nachhallt
So war es auch bei der Buchlesung zu Bernardino Ochino im Kapuzinerkloster Luzern. Der Raum war gefüllt, die Aufmerksamkeit spürbar, die Erwartung gross – und sie wurde mehr als erfüllt. Was als literarischer Abend angekündigt war, wurde zu einer dichten, bewegenden Reise durch Geschichte, Glauben, Zweifel und Mut.
Viele der Anwesenden kannten den Namen Bernardino Ochino kaum. Andere verbanden ihn vage mit der frühen Geschichte der Kapuziner. Doch was sich an diesem Abend entfaltete, ging weit darüber hinaus. Ochino erschien nicht als historische Randfigur, sondern als Mensch aus Fleisch und Blut: leidenschaftlich, suchend, unbequem, zutiefst glaubend – und gerade deshalb umstritten.
Der Autor Ueli Greminger verstand es meisterhaft, Ochinos Lebensgeschichte lebendig werden zu lassen. Seine Lesung war ruhig und zugleich spannungsvoll, getragen von genauer historischer Recherche und einer spürbaren inneren Nähe zur Figur. Er erzählte von Ochinos Weg vom gefeierten franziskanischen Prediger über seine Rolle in den Anfängen des Kapuzinerordens bis hin zu seinem Bruch mit den kirchlichen Institutionen seiner Zeit. Nicht wertend, sondern fragend. Nicht vereinfachend, sondern differenziert.
Besonders berührend war der Blick auf die Gespräche, die Ochino prägten: Dialoge mit Frauen, mit Mächtigen, mit Glaubenden – und immer wieder mit sich selbst. Diese dialogische Haltung zog sich wie ein roter Faden durch den Abend. Glaube zeigte sich hier nicht als fertige Antwort, sondern als Ringen um Wahrheit, als innerer Weg, der Mut verlangt.
Eine eigene, starke Ebene erhielt der Anlass durch die Musik von Markus Largiadèr. Die ausgewählten Bob-Dylan-Songs waren weit mehr als musikalische Zwischenstücke. Sie kommentierten, vertieften und öffneten den Raum. Texte über Freiheit, Brüche, falsche Propheten und das Unterwegssein passten erstaunlich genau zur Gestalt Ochinos. Gesungen mit grosser Präsenz und feinem Gespür für Stimmung und Inhalt, verlieh die Musik dem Abend Tiefe und Resonanz.
Nach der Lesung wurde im Refektorium bei Wein und Brot weiterdiskutiert. Die Stimmung war gelöst, die Gesichter belebt.
«Das war ein absoluter Top-Abend. Erfreulich von Anfang bis Ende», resümierte Bruder Josef Bründler.
Selbst für ihn, der jahrelang Kapuziner ausgebildet hat, gab es Neues zu entdecken. «Der Name Ochino war mir bekannt, aber dass er so innovativ und mutig war und schliesslich in Zürich ‘reformiert’ wurde, das wusste ich nicht.» Es zeigt sich: Unsere eigene Geschichte hat noch viele Facetten, die darauf warten, ans Licht geholt zu werden.
Dass wir mit diesem Anlass das Jubiläumsjahr zum 800. Todestag des heiligen Franz von Assisi eröffnen durften, ist mehr als passend. Franziskus war selbst kein bequemer Heiliger. Er liebte die Kirche – und stellte sie gerade deshalb in Frage. Bernardino Ochino steht in dieser Spannung. Und er erinnert uns daran, dass franziskanischer Geist immer auch Suchbewegung ist.
Dieser Abend hat gezeigt, wofür unser Kloster steht: für Offenheit, für ernsthaftes Fragen, für Begegnung, für lebendige Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart.
Ein Auftakt, der trägt.
Ein Anfang, der Mut macht.
Besser hätte dieses Jubiläumsjahr nicht beginnen können.
- bruder george