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Spuren im Sand, Sterne im Dunkel

Es gibt Abdrücke im Sand, die nicht von uns stammen. Eine feine Linie, halb vom Wind verweht, und dennoch deutlich genug, um etwas in uns zum Klingen zu bringen. Diese Spuren gehören jenen, die vor uns gegangen sind – mit ihrer Hoffnung, ihrer Zärtlichkeit, ihren Kämpfen und ihren stillen Siegen. Sie zwingen uns zu nichts. Aber sie laden ein, ihnen ein Stück weit zu folgen.

Wir stehen in einem Garten, dessen Bäume andere gepflanzt haben. Wir essen von Früchten, deren Samen vor Generationen in dunkle Erde gelegt wurden. Das ist kein Zufall und kein Verdienst. Es ist ein Geschenk, das wir oft vergessen, weil es so selbstverständlich geworden ist. Ein bisschen Demut täte uns gut – so singt Bligg zusammen mit Aaron Asteria im Mundart-Lied «Milchstrass». Ein einfacher Satz, und doch einer, der trifft.

Diese Demut ist kein Niederknien. Sie ist das sanfte Loslassen der Faust, die meint, alles selbst erschaffen zu müssen. Sie ist das Atmen in den Raum zwischen dem, was war, und dem, was sein wird. Unsere Hände tragen Gesten, die wir nie bewusst gelernt haben. Unsere Stimme trägt den Klang von Stimmen, die längst verstummt sind. Das ist kein Verlust. Das ist Verbundenheit.

Manchmal rückt das Unsichtbare so nahe, dass die Luft zwischen uns und der Welt dünner zu werden scheint. Ein Lichtstrahl auf dem Küchentisch am frühen Morgen. Ein Atemzug in der Stille der Nacht. Kleine Dinge, die plötzlich ihre eigene Tiefe zeigen. Es braucht keine grossen Worte dafür, keine Erklärungen. Das Schweigen selbst hat eine Würde: Es drängt nicht, es fordert nicht. Es wartet.

In der Fastenzeit darf etwas von der Schwere des Verstehen-Wollens von uns abfallen. Wie ein Knoten, der sich von selbst löst. Wir müssen nicht alles benennen, um getragen zu sein. Wir müssen nicht alle Fragen beantworten, um auf dem richtigen Weg zu sein. Es genügt, still genug zu werden, um in den Abdrücken vor uns eine Richtung zu ahnen.

Und während wir weitergehen, legen wir selbst Spuren. Bewusst oder unbeabsichtigt. Vielleicht gibt dieses Licht eines Tages jemandem Orientierung, wenn sein Weg unklar wird. Denn auch wir werden irgendwann Teil von etwas Grösserem sein – von jenem Chor, dessen Lied in allem mitschwingt: im Wind, im Licht, in der Stille zwischen zwei Atemzügen. Bis dahin genügt es, das empfangene Licht ein wenig wärmer weiterzugeben, als wir es empfangen haben.

— bruder george, Talia
Inspiriert vom Lied «Milchstrass» von BLIGG.

Die Gedanken sind Teil der laufenden Fastenzeit‑Meditation im Kapuzinerkloster Wesemlin. Jede Woche lassen wir uns von einem Schweizer Mundart Lied inspirieren.