«Unterwegs zu dir»
Die Frösche begrüssten uns als Erste – ihr Quaken aus dem feuchten Gras am Wegrand, unbestellt und herzlich, wie ein Willkommen von jemandem, der schon länger wach ist als wir. Die Vögel in den Bäumen stimmten ein. Die Welt gehörte noch dem Morgen.
Eigentlich hätte der Tag um acht Uhr beginnen sollen. Doch die Hitze hatte andere Pläne. Um sechs Uhr standen wir am Kloster Wesemlin – zwölf Menschen, ein Weg, ein gemeinsamer Aufbruch, der sich, ohne dass wir es wussten, bereits als Geschenk herausstellen würde. Denn wer früh geht, bekommt die Welt noch unberührt.
Michaela Zurfluh, Theologin und systemische Naturtherapeutin, hatte für diesen Tag nicht ein Programm im Gepäck, sondern einen Blick. Einen Blick dafür, wann Worte nötig sind und wann Stille mehr sagt. Entlang des Weges vom Wesemlin bis nach Küssnacht am Rigi gab sie der Gruppe Raum: für Körperübungen, franziskanische Impulse, stille Momente. Nie belehrend. Immer öffnend.
Der grösste dieser Räume wartete im Meggerwald. Im Halbdunkel unter den Bäumen – wo die Hitze des Tages noch nicht hingekommen war – bekam jede und jeder eine halbe Stunde geschenkt: Geh. Schau, was dich anspricht. Kein Ziel, keine Aufgabe, nur Aufmerksamkeit. Manche blieben vor einem Farn stehen, manche horchten dem Bach zu, manche einfach der eigenen Stille. Wer aus dem Wald zurückkehrte, trug etwas, das sich nicht benennen liess – und doch deutlich spürbar war.
Dann wurden die Wege steiler. Und dort, wo der Boden rutschte, passierte etwas Unerwartetes.
Eine Person in Sandalen – falsches Schuhwerk, das sich erst im Steilen herausstellte – merkte es schnell: Immer wenn der Fuss wegglitt, streckte sich eine Hand aus. Manchmal wortlos. Manchmal mit einem kurzen Lachen. Immer rechtzeitig. Es waren verschiedene Hände, und das war das Entscheidende: Nicht eine bestimmte Person trägt uns, sondern das Gefüge. Der Weg selbst wurde zur Übung im Vertrauen.
Bruder George hatte dazu zu Beginn etwas gesagt, das erst jetzt seinen vollen Sinn entfaltete. Er sprach über Schwellen – die hölzernen, steinernen, eisernen Stufen im Steilen. Verkratzt, zerfurcht, nicht schön. Und doch tragen sie. Er fragte: Welche Schwelle hat euch in eurem Leben gehalten, auch wenn sie nicht perfekt war? Ein Wort zur richtigen Zeit. Ein Mensch, der einfach blieb. Eine Hand, die auffing.
Unterwegs räumten Wandernde Hindernisse beiseite, die nichts mit ihnen selbst zu tun hatten: einen Stein, einen Ast, eine achtlos weggeworfene Dose. Kleine Gesten, die nichts kosten – und doch den Weg für alle nach ihnen gangbarer machten. Vielleicht beginnt Sorge für die Welt genau hier: im Kleinen, im Weiterreichen von Möglichkeiten.
Franziskus, dessen Tod sich dieses Jahr zum 800. Mal jährt, hätte das vielleicht so beschrieben: Wir stehen nicht über der Schöpfung. Wir sind Teil von ihr. Die Hitze, der Durst, die Müdigkeit – sie gehören dazu. Und genau darin lag an diesem Tag eine eigentümliche Klarheit: Der Körper lügt nicht. Wo er an Grenzen stösst, wird das Herz wacher. Und wo man sich tragen lassen muss, beginnt etwas, das man Vertrauen nennen könnte.
Am Abend, zurück am Ausgangspunkt, hatte sich etwas verschoben. Schwer zu benennen, aber deutlich zu spüren. Wer gemeinsam schweigt, wer gemeinsam geht und sich im richtigen Moment an der Hand nimmt, trägt etwas davon mit, das über den Tag hinausreicht.
Wer Lust hat, diese Erfahrung selbst zu machen: Der nächste spirituelle Wandertag findet am 26. September 2026 statt. Die Plätze sind begrenzt – Anmeldung und weitere Informationen auf unserer Webseite.
- bruder george