Wenn die Masken fallen
In diesen Tagen hat mir ein Lied berührt, das die junge Schweizerin Elin geschrieben hat. Sie singt in ihrer Mundart: «Und mini auge zeiged nümme wer ich gester gsi bin.» – Unsere Augen zeigen nicht mehr, wer wir gestern waren. Dieser Satz hat uns nicht losgelassen, denn genau das geschieht in der Fastenzeit: Das vertraute Bild von uns selbst wird unsicher, bröckelt an den Rändern, und wir beginnen zu hinterfragen, wer wir wirklich sind, wenn die alten Geschichten verstummen.
Elin spricht auch von ihrem «Monster», das auftaucht, sobald sie allein ist. Kennen wir das Gefühl? Diese Stille, die zunächst bedrohlich wirkt, weil sie all das hochbringt, was wir oft verdrängt haben: Ängste, Müdigkeit und die offenen Rechnungen mit uns selbst. In der Fastenzeit lernen wir, dieses Monster nicht mehr zu bekämpfen, sondern ihm Raum zu geben. Wir entdecken, dass es seine Schrecken verliert, wenn wir es beim Namen nennen.
Das Lied thematisiert auch die «Luft zum schnuufe» – was für ein kostbares Bild! Wie oft ersticken wir im Alltag an unseren eigenen Erwartungen? Die Fastenzeit lädt uns ein, die Fenster weit zu öffnen, den Atem zu vertiefen und zu spüren: Es gibt noch mehr im Leben für uns. Unentdeckte Wege, ungelebte Sehnsüchte und unausgesprochene Gebete warten darauf, entdeckt zu werden.
«Nacheme ziitli stahni wieder uf», singt Elin. Nach einer Zeit stehen wir wieder auf. Das ist die heimliche Hoffnung dieser vierzig Tage: dass Erschöpfung nicht das Ende ist, sondern die schützende Hülle für eine innere Auferstehung. Wie ein Baum, der im Winter seine Säfte in die Wurzeln zurückzieht, sammeln auch wir in der Stille die Kraft für ein neues Werden.
Die Fastenzeit ist kein Leistungsprogramm. Sie ist eine Zeit des Loslassens – von Masken, von altem Ballast und dem Drang, immer funktionieren zu müssen. Gott sieht in uns nicht das, was wir leisten, sondern das, was wir in seinem Herzen schon immer waren. Darum dürfen wir in dieser Stille suchen, fragen und uns neu entdecken – Schritt für Schritt, offen und getragen.
Vielleicht ist das die eigentliche Umkehr: nicht mehr vor uns selbst davonzulaufen, sondern mutig in die Tiefe zu blicken. Denn dort, in der Stille unseres Herzens, begegnen wir etwas, das älter ist als all unsere Geschichten – ein Kern, der echt und unverändert ist, getragen von einer Liebe, die uns nicht nach unseren Leistungen fragt, sondern nach unserem Ja.
Möge diese Fastenzeit für uns ein Raum werden, in dem wir wieder Luft bekommen. Ein Raum, in dem die Frage «Wer sind wir?» nicht beängstigt, sondern befreit. Denn die Antwort ist bereits unterwegs – in jedem Atemzug, in jedem stillen Morgen und in jedem Funken Hoffnung, der aufblitzt, wenn wir zulassen, dass Gott uns findet, ganz ohne unser Zutun.
- bruder george
Text: inspiriert durch das Lied «wer bin ich» von Elin