Wenn Tische zur Mitte werden
Nicht Arbeitstreffen, nicht Koordinationssitzung, nicht institutioneller Dialog – sondern Freundschaft, als bewusste Wahl und als stille Haltung. An einem gewöhnlichen Werktag versammeln sich im Kapuzinerkloster Wesemlin Menschen, die sonst in verschiedenen Welten der Kirche unterwegs sind – die einen mit Protokollen und Budgets, die anderen mit Gebet und Gegenwart. Dass sie sich an einen Tisch setzen und dieses Treffen ausdrücklich so benennen, ist stiller als es klingt, und bedeutsamer, als es zunächst scheint.
Das Mittagsgebet liegt noch in der Luft, wenn das Essen beginnt. Diese Reihenfolge ist nicht zufällig: Erst der gemeinsame Rhythmus des Gebets, dann das Gespräch bei Brot und Wein. Was sonst in Sitzungszimmern ausgehandelt wird, darf hier einfach sein – ohne Beschlüsse, ohne Protokoll, ohne die stille Schwere von Verantwortlichkeiten, die immer irgendwo mitschwingt. Der Kirchenrat der Stadt Luzern und die Kapuzinergemeinschaft des Wesemlins begegnen sich nicht als Partner mit Leistungsvereinbarung, sondern als zwei Teile eines grösseren Ganzen, die einander einfach kennen wollen. Augenhöhe, als einzige Bedingung. Ein seltenes Gut, das sich nicht verordnen lässt, sondern nur einüben.
Die Kapuziner und der Kirchenrat stehen, wie man sagen könnte, an verschiedenen Enden desselben Seils. Die einen sorgen dafür, dass die Institution steht; die anderen dafür, dass in ihr noch etwas lebt, das Menschen berührt. Beide Aufgaben sind unvollständig ohne die andere, und doch begegnen sich die Trägerinnen und Träger dieser Aufgaben nicht oft genug auf diese Weise – formlos, freiwillig, freundschaftlich. Dabei liegt genau darin eine alte Weisheit: Gemeinschaft entsteht nicht allein durch gemeinsame Strukturen, sondern durch gemeinsame Mahlzeiten. Das Wort Freundschaftsessen ist also kein schmückendes Beiwerk, sondern ein kleines Programm.
Man denkt auch an jene, die nicht mehr am Tisch sitzen können. Susanna Bertschmann, die im März verstorben ist, wird in dankbarer Erinnerung gehalten – ein stilles Zeichen dafür, dass dieser Kreis mehr umschliesst als die Anwesenden. Erinnerung und Dankbarkeit gehören mit zum Mahl, auch wenn man sie nicht auf der Speisekarte findet.
Was bleibt nach einem solchen Tag? Keine Beschlüsse, aber vielleicht etwas Wertvolleres: das erneuerte Wissen, dass man nicht allein unterwegs ist. Dass hinter dem Verwaltungsapparat Menschen stehen, und hinter dem Klostertor eine Gemeinschaft, die betet und wirkt und empfängt. Das Wesemlin ist kein Ort ausserhalb der Stadt, sondern mitten in ihr – ein Ort, der daran erinnert, dass Kirche nicht nur verwaltet, sondern auch gelebt werden muss. Und dass dieser Unterschied nicht trennt, sondern verbindet, wenn man bereit ist, sich einmal im Jahr einfach an einen Tisch zu setzen – und das Treffen, ganz ohne Ironie, Freundschaft zu nennen.
- bruder george