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Bruder George Francis Xavier

Der indisch-stämmige Bruder George Francis Xavier lebt seit 16 Jahren in Luzern und wirkt seit vier Jahren als Guardian.

„Viele meiner Lieblingsbücher habe ich in Malayalam gelesen“, meint Br. George etwas verträumt. Diese Sprache wird vor allem im Bundesstaat Kerala an der Südwestküste Indiens gesprochen und kennt eine eigene Schrift – also keine lateinischen Buchstaben wie im Deutschen oder Englischen. Der Name Malayalam leitet sich von den tamilischen bzw. malabarischen Wörtern malai „Berg“ und āḷ „Mann“ oder āḻam „Tiefe, Ozean“ ab und bedeutet demnach entweder „Bergbewohner“ oder „Land zwischen Bergen und Ozean“. So kann man hier in der Schweiz sagen: Bergler unter sich. Und in Malayalam gibt es «enorm viele Bücher. 35 Millionenen Malayalam-Sprechende leben in Indien.» Und mehrere Millionen auch ausserhalb dieses Landes.

Lebensstrukturen

Seit sechs Jahren kommt der Kapuziner kaum mehr zum Lesen. «Zeitprobleme!» meint der engagierte und umsichtig planende Guardian vom Kapuzinerkloster Wesemlin. Das zeigt sich auch in der Gesprächsvorbereitung. Auf einem Extrablatt bringt er alle Angaben zu Lieblingsbuch, Lieblingsfilm, Lieblingsevangelium und Lieblingsgebet mit. Stets mit Übersetzung vom Englischen ins Deutsche.

Aus Zeitnot hat Br. George eine Tugend gemacht: Er trifft sich regelmässig mit ehemaligen Mitstudierenden der UNI-Luzern, wo sie gemeinsam Bücher lesen. Meistens Fachbücher mit dem Hintergrund Politik und politische Ethnologie – was sie gemeinsam auch studiert haben. Zurzeit ist es jedoch ein Roman von 1974 Die Enteigneten (The Dispossessed: An Ambiguous Utopia), welchen der Kapuziner mit Freude liest.

Lebenswege

Interessanterweise hat Br. George oft eine papierne Ausgabe sowie ein E-Book eines Buches. Je nach Situation wird ab Papier oder ab Bildschirm gelesen. Die Enteigneten von Ursula K. Le Guin ist ein Science-Fiction Roman aus alten Zeiten (1974). Die Hauptfigur, der Physiker Shevek, verlässt seine Heimatwelt Anarres, eine anarchistische Gesellschaft ohne Staat und Privateigentum, und reist nach Urras, einer Welt mit hierarchischen und kapitalistisch geprägten Gesellschaften. Beiden Lebensformen von Kapitalismus und Sozialismus werden im Buch geschildert, ohne dass sie von der Autorin gewertet werden. Das Buch belässt viele Fragen unbeantwortet – und darüber kann in der Lesegruppe heiss diskutiert werden. So behandelt der Roman beispielsweise die Spannung zwischen Individuum und Gemeinschaft. «Und weil ich in einer Gemeinschaft lebe, tendiere ich eher in die Richtung Gemeinschaft», ergänzt der Bruder verschmitzt. Ein echter Kapuziner also!

Weniger ins Nachdenken, dafür mehr ins Schwärmen kommt Bruder George beim Lieblingsfilm Der Duft der Frauen (Scent of a Woman), den er schon fünf bis sieben Mal gesehen hat. Ein blinder Mann fährt mit Begleitung Ferrari (Wenn Br. George morgens manchmal etwas müde ist, dann könnte es sein, dass in der Nacht irgendwo auf der Welt ein Autorennen stattgefunden hat.) und tanzt perfekt Tango. Der Film zeigt dem Bruder, dass Verstehen wichtiger ist denn Sehen. Hinzu kommt, dass sich dieser blinde Mensch für einen armen Studenten einsetzt, der sich in seinem Leben sehr integer verhält. Die Frage um Gerechtigkeit treibt Br. George um.

Bedürfnis, nicht Leistung

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20,1-16) ist das Lieblingsevangelium von Br. George. Ob die Arbeitenden lange oder kurze Zeit gearbeitet haben, sie erhalten denselben Lohn, erzählt die Geschichte. Zuerst hat sich der Kapuziner an dieser vordergründigen Ungerechtigkeit gestört, dann aber gemerkt, dass es Jesus nicht um die Leistung, sondern um das Bedürfnis eines Menschen geht. Hinzu kommt, dass hier nicht von faulen Menschen erzählt wird, sondern von Menschen, die lange auf Arbeit warten mussten, bis sie endlich loslegen durften. Das Sich-Anbieten und Warten muss mitgedacht werden.

Bei diesem Gleichnis des Matthäus kommen ihm seine Eltern in Indien in den Sinn. «Meine Mutter musste jeden Morgen um fünf Uhr aufstehen und für uns kochen, bevor sie als Lehrerin in der Schule ihrem Beruf nachgehen konnte», erinnert sich der Inder, der bald in der Schweiz eingebürgert wird. «Papa war fast 400 Kilometer entfernt am Arbeiten und konnte so nicht im Haushalt mittragen». Und trotzdem, die Mutter hat nicht mehr Lohn erhalten, trotz zwei wichtigen Aufgaben. «Jesus ist für mich kein Wundermacher oder Zauberer, er ist ein guter Soziologe, der die Wirklichkeit exakt wahrnimmt und beschreibt», ist Br. George überzeugt.

Beten um Gelassenheit

Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

«Ich bin kein angry young man mehr, ich bin reifer geworden», stellt Br. George fest. Und trotzdem stellt er fest, dass er Dinge und Situationen andern darf. Und das macht ihm Freude. Die Wünsche anderer seien zu respektieren, aber auch die eigene Kreativität darf ernstgenommen werden. Da braucht es das Geschenk der Gelassenheit sowie die Weisheit des Unterscheidens. Und im kapuzinischen Gemeinschaftsleben gäbe es mehr als genügend Beispiele für fehlende wie gelebte Gelassenheit. Diese Spannung zu akzeptieren bringt Br. George Ruhe in den Alltag. «Ja, an den Sachen die ich ändern darf und ändern kann, bin ich dran!»

Br. Adrian