Ein Morgen im Kapuzinerklostergarten
Dann folgt das Rotkehlchen mit seinen perlenden, silbrigen Kaskaden, seinem Tix-Tix-Tix, kristallklar wie Tautropfen auf Glas, als würde es die Stille in Melodien verwandeln. Es ist, als ob jeder Vogel seine eigene Sprache spricht, seine eigene Art, die Welt zu rufen: Hier bin ich. Dies ist mein Ort.
Die Mönchsgrasmücke, unscheinbar im Gebüsch bei den Bienenhäusern, beginnt mit einem leisen, fast verstohlenen Schwatzen – um sich dann in einen flötenden Überschwang hineinzusteigern, rein wie eine gut gestimmte Orgelpfeife im Chorraum. Der Gartenrotschwanz lässt sein helles Huit-Huit wie ein Echo der Sonne über den alten, gestürzten Nussbaum schallen, einen kleinen Feuervogel gleich. Hoch oben trommelt der Grünspecht lachend gegen die Rinde, ein rhythmisches Klopfen wie ein herzhafter Handwerksschlag durch die Morgenruhe. Und dann die Amsel – ihr Gesang ist kein einfaches Pfeifen, sondern ein ganzes Konzert, ein flötendes Meisterstück, das den Horizont weitet und uns erinnert: Die Schöpfung ist kein Zufall, sondern ein sorgfältig komponiertes Werk.
Bruder Paul, der täglich in den Beeten wirtschaftet und den Garten mit kundiger Hand führt, kennt jeden dieser Sänger beim Namen. Er weiss, wer kommt, wann er kommt und warum – er ist so etwas wie ein stiller Chronist des Gartenjahres, einer, der den Rhythmus der Natur nicht nur beobachtet, sondern mitlebt. Bruder Adrian Müller hingegen wartet, die Kamera in der Hand, auf jenen einen Moment, in dem das Rotkehlchen einen Herzschlag lang stillhält. Es ist eine Übung in Geduld, wie das Stundengebet: Man kann den Augenblick nicht erzwingen, man kann ihn nur empfangen.
Doch warum verstummt dieser Chor ab Mitte Mai? Die Balzzeit, diese heilige Zeit des Werbens und Rufens, neigt sich dem Ende zu. Die Vögel haben gefunden, was sie suchten: einen Partner, ein Nest, einen Grund, weiterzuleben. Das Pfeifen wird leiser, aber ihre Präsenz bleibt. Sie sind noch da, im Gebüsch, auf den Ästen, im Schatten der Klostermauern – sie singen nicht mehr für uns, sondern für sich. Und vielleicht auch für den, der genau hinhört.
Der Kapuzinerklostergarten ist in diesen Wochen ein Ort der Offenbarung. Hier wird nicht nur die Erde beackert, sondern auch die Seele. Und wir? Wir dürfen zuhören. Denn wer stillsitzt und wartet – so wie Bruder Adrian vor seinem widerspenstigen Motiv –, der erkennt: Die schönsten Töne sind jene, die man nicht erzwingen kann, sondern die einem geschenkt werden. In diesem Chor der Natur offenbart sich etwas Grösseres: die Stimme des Lebens selbst, die uns sagt – Du bist nicht allein. Selbst in der Stille.
- bruder george