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Weihnachten: geliebt, nicht programmiert

Weihnachten und die Rückkehr zum Menschsein: Weihnachtspredigt von Br. George, dem Guardian vom Kapuzinerkloster Wesemlin. Gott wird Mensch, aber auch Maschinen wollen wie Menschen oder sogar Mensch werden. Die Krippendarstellung steht im Refektorium des Klosters.

Wenn Maschinen uns immer besser verstehen

Kennt ihr das?
Wir steigen ins Auto und sagen einfach: „Bring mich nach Hause.“
Und das Auto antwortet: „Gerne. Ich kenne drei Routen.“
Wir wählen die schönste – entlang dem See.
Das Auto weiss, wohin.
Es kennt sogar unsere Vorlieben.
Welche Musik uns nach einem langen Tag guttut.

Das ist nicht Science-Fiction.
Das ist heute. Hier.

In China unterrichten virtuelle Lehrerinnen mit perfekter Stimme.
Digitale Sängerinnen füllen Konzerthallen.
Roboter tanzen auf Bühnen – synchroner und präziser, als es Menschen je könnten.
In Tokio begrüssen uns Androiden in Hotels – mit einem Lächeln, das fast echt wirkt.
In New York komponiert KI Symphonien, in Berlin malt sie Bilder für Galerien.

Wir leben mitten in dieser Realität.
Und die Frage ist nicht, ob das geschieht.
Die Frage ist: Was macht das mit uns?

Bleiben wir menschlicher –
oder werden wir den Maschinen ähnlicher?

Weihnachten geschieht nicht im Labor

Genau in diese Zeit hinein feiern wir Weihnachten.
Und das Evangelium führt uns nicht in ein Labor.
Nicht in ein Rechenzentrum.
Sondern in einen Stall.

Gott wird Mensch.
Nicht perfekt.
Nicht fehlerlos.
Sondern verletzlich.
Hilfsbedürftig.

Ein Kind, in Windeln gewickelt, in eine Krippe gelegt.

Spüren wir diesen Kontrast?
Während wir Menschen die Maschinen immer intelligenter machen,
wird Gott ein hilfloses Baby.
Abhängig von anderen.
Zerbrechlich.

Warum?

Weil Gott uns etwas zeigen will.
Etwas, das wir gerade jetzt dringend verstehen müssen.

Würde ohne Leistung

Was macht uns eigentlich menschlich?
Unsere Intelligenz? Maschinen werden schlauer.
Unsere Kreativität? KI malt und komponiert.
Unsere Effizienz? Roboter sind präziser.

Weihnachten antwortet radikal:
Das Kind in der Krippe tut nichts.
Und genau darin liegt seine unantastbare Würde.

Es muss nichts leisten, um geliebt zu werden.
Es ist.
Einfach.
Bedingungslos geliebt.

Spüren wir die Befreiung darin?

KI optimiert Prozesse – Gott sucht Beziehungen.
KI analysiert Daten – Gott liest Herzen.
Maschinen lernen aus der Vergangenheit – Gott eröffnet Zukunft.

Das ist keine Konkurrenz.
Das ist eine Klarstellung.

Maschinen berechnen, was wahrscheinlich ist.
Gott glaubt an das Unmögliche in uns.

Zeit – das unerwartete Geschenk der Technik

Und jetzt kommt die grosse Einladung:
Vielleicht schenkt uns diese Technologie endlich das,
wonach wir uns insgeheim sehnen.

Zeit.

Zeit, wirklich menschlich zu sein.
Zeit zu lieben.
Zeit zum Umarmen.
Zeit füreinander.

Wir sind nicht geboren, nur um zu funktionieren.
Wir sind geboren, um zu leben.
Um zu lieben.
Um zusammen zu sein.

Vielleicht – und ist das nicht wunderschön? –
ist KI ein Geschenk für eine überforderte Welt.
Eine leise Erinnerung Gottes:
Ich schenke euch Zeit. Nutzt sie fürs Leben – nicht nur fürs Arbeiten.

Lassen wir die Maschinen menschenähnlicher werden –
damit wir endlich aufhören können, maschinenähnlich zu sein.

Lassen wir die KI die strukturierte Arbeit übernehmen –
damit wir Menschen mit all unseren Unvollkommenheiten bleiben dürfen.

Die Einladung dieser Nacht: Mensch bleiben

Was heisst das konkret?

Statt stundenlang E-Mails zu sortieren –
mehr Abende mit der Familie.

Statt Routineaufgaben –
mehr Gespräche mit Menschen, die uns brauchen.

Statt perfekt zu funktionieren –
mehr Leben spüren.

Die KI gibt uns zurück, was wir verloren hatten:
Zeit füreinander.
Zeit zum Fühlen.
Zeit zum Lieben.

Aber Achtung:
Verpassen wir diese Zeit nicht.

Was machen wir mit diesem Geschenk?
Scrollen wir noch mehr?
Optimieren wir uns weiter?
Oder feiern wir das Leben?

Vielleicht ist das die Einladung von Weihnachten:
Umarmen statt updaten.
Zusammen sein statt allein funktionieren.
Lachen statt nur leisten.

Die Algorithmen erledigen die Reports. Gut.
Dann bleibt Zeit für den Besuch bei der einsamen Nachbarin.

Die KI schreibt die Standardantworten. Gut.
Dann bleibt Zeit für das echte Gespräch mit dem eigenen Kind.

Die Automatisierung übernimmt die Routine. Gut.
Dann bleibt Zeit zum Umarmen.
Zum Zusammensein.
Zum Leben.

In einer Welt, die immer menschenähnlicher wird,
erinnert uns Gott daran, was es heisst, wirklich Mensch zu sein.

Unsere Würde liegt nicht im Funktionieren.
Sondern im Geliebtsein.

Das ist Weihnachten.
Die Erlaubnis, einfach zu sein.
Geliebt.
Mensch.

Unvollkommen.
Zerbrechlich.
Und unendlich kostbar.

Die Maschinen werden intelligenter.
Gut so.

Wir werden menschlicher.
Noch besser.

Frohe Weihnachten.

- bruder george