Rot wie das Leben – Gedanken zur REDWEEK
Ich spreche aus einer anderen Erfahrung. Ich komme aus einem Land, in dem wir Christen eine Minderheit sind, und ich weiss aus erster Hand, wie es sich anfühlt, wenn man ständig auf dem Wachposten des Lebens steht. Besonders in Nordindien, wo ich als Ordensmann diente, war die eigene Existenz als Christ immer ein Thema im Hinterkopf, ein fast schon selbstverständlicher Hintergrundlärm der Unsicherheit. Man lernt, die Angst zu inhalieren, ohne sie bewusst auszuatmen.
Lange Zeit dachte ich, diese ständige Bedrängnis, dieses «Mit-einem-blauen-Auge-davonkommen» gehöre einfach zum christlichen Leben dazu. So, wie der Atem zur Lunge. Erst die Sicherheit in Europa hat mir gezeigt, dass mein Leben als Glaubender nicht zwingend in Gefahr sein muss. Welch eine Erkenntnis – und welch ein Geschenk, das wir hier oft achtlos zur Seite legen!
Die Hilfsorganisation «Kirche in Not (ACN)» ruft uns im November zur REDWEEK auf, einer Gebets- und Gedenkwoche, um an die 350 Millionen diskriminierten und verfolgten Christinnen und Christen zu denken. Es geht darum, Kirchen und Gebäude rot zu beleuchten – in Erinnerung an das Blut der Märtyrer, das nicht umsonst vergossen wurde. Aber es geht um mehr als nur um eine Lichtinstallation.
Ich erinnere mich an ein tiefgehendes Gespräch mit Brüdern aus Tansania, das eine ganze Theologie des Überlebens in einem Satz zusammenfasste. Sie erzählten mir von ihren Rosenkränzen, die sie in Windeseile knüpften und überall verteilten, oft für weniger als einen Franken verkauft. Nicht aus Gewinnstreben, nein, sondern aus einer inneren Notwendigkeit. Ihr Credo war denkbar einfach: «Damit die Leute beten müssen.»
Dieser Satz hallt in mir nach wie ein Glockenschlag, der zum Wesentlichen ruft. Er impliziert, dass Beten nicht bloss ein frommes Hobby ist, das man nebenbei erledigt. In ihren Augen – und in der Realität vieler verfolgter Menschen – ist das Gebet der Treibstoff der Existenz, die Sauerstoffmaske der Seele. Es ist die letzte Verteidigungslinie, wenn alles andere wegbricht.
Die REDWEEK lädt uns ein, aus unserem «sicheren Hafen» herauszutreten und diese Perspektive kurz anzunehmen. Sie ist ein Weckruf, der uns fragt: Wofür würden wir heute noch alles riskieren? Unser Gebet ist in dieser Zeit nicht nur eine nette Geste der Solidarität. Es ist ein Akt der geistlichen Notfallhilfe.
Wenn du also ein rot beleuchtetes Gebäude siehst, dann denk nicht an eine Beleuchtung mit schlichtem Dekor. Denk an die Brüder in Tansania. Denk an die Christen in Indien. Denk daran, dass deine Gebete hier in Europa jene im Gebet stützen, für die das Beten selbst schon ein Akt des Mutes ist. Lass uns mit unserem Gebet diese Stimme der Verfolgten zu Gott tragen. Machen wir vom 15. bis 23. November 2025 die Anliegen dieser bedrängten Menschen zu unserem eigenen, hier und jetzt. Das ist unsere wahre christliche Pflicht – sachlich und feinfühlig zugleich.
- bruder george