Zum Hauptinhalt springen

Weihnachtskarten-Schreiben als Gebetsmomente

Wenn der Winter das Jahr zur Ruhe bettet, verwandelt sich mein Schreibtisch im Kloster Wesemlin in einen Ort der Begegnung. Als Bruder entdecke ich in jeder Karte einen besonderen Moment der Verbundenheit.

Franziskanische Bescheidenheit leitet meine Hand, wenn ich die Namen schreibe - ohne förmliche Anreden, dafür mit Herzenswärme. "Liebe..." beginnt jede Karte – schlicht und franziskanisch, ohne förmliche Floskeln.

In dieser stillen Zeit verschmelzen Schreiben und Beten zu einer einzigen Bewegung. Wie der natürliche Rhythmus des Atems fliesst das Gebet durch jeden Handgriff: Einatmen beim Lesen des Namens, Ausatmen beim Schreiben der Worte. Neunzig kostbare Sekunden für jede Karte - ein Zeitfenster, in dem Namen zu Menschen werden und Worte zu Gebeten. Es ist mehr als eine administrative Aufgabe – es ist ein spiritueller Moment. So wird jede Karte zu einem stillen Gebet.

Unsere diesjährigen Weihnachtskarten sind ein Gemeinschaftswerk: Das Auge eines Mitbruders fing das Motiv ein, eine Studentin schuf das Layout, ein Ehepaar kümmerte sich um die Adressen, und liebevolle Hände halfen beim Einpacken. In jeder Phase floss ein stilles Gebet mit ein, bis zum letzten gemeinsamen Handgriff. In jedem Strich liegt eine Bitte, in jeder Zeile ein Dank.

Viele Menschen bitten uns Kapuziner regelmässig um Gebete. In der Hektik des Alltags mag manchmal ein Gebet in Vergessenheit geraten. Doch diese Weihnachtskarten sind mehr als Grüsse – sie sind Gebetskarten. Jede einzelne trägt ein Gebet unserer Gemeinschaft in sich.

Die Hälfte der Empfänger kenne ich nicht persönlich, doch jeder Name öffnet ein Fenster zu einer Seele. Ob alt bekannt oder neu auf unserer Liste - jeder Mensch wird im Gebet vor Gott getragen. Gerade in der hektischen Vorweihnachtszeit schaffen diese Momente des Innehaltens Raum für echte Verbundenheit.

Wenn ihr also dieses Jahr eine Karte von uns erhaltet, haltet ihr mehr als Papier und Tinte in Händen. Es ist ein Gruss, der durch das Gebet getragen wurde - ein Zeichen der Hoffnung und ein Moment der Stille in unserer bewegten Welt. Jede Zeile trägt den Herzschlag unserer klösterlichen Gemeinschaft in sich.

- bruder george