Bruder Hans Portmann
Vertikal beten – horizontal leben – und …
Bruder Hans Portmann, der seit fünf Monaten in Luzern lebt und vorher im Kloster Ingenbohl bei Schwestern gelebt und gewirkt hat. Juristisch gehörte er damals zum Kapuzinerkloster in Schwyz.
Bruder Hans stammt aus einer Familie mit neun Kindern. „Da ich überflüssig war, wurde ich auf einen fremden Bauernhof gegeben“, erinnert er sich. „Ab der Kost“ sagte man damals. Selbst die Eltern tragen nicht, war seine Lebenserfahrung. Wenn nicht Vater und Mutter, wer begleitet dann? Bruder Hans fand in den Psalmen eine Antwort. Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf, ist in Psalm 27, Vers 10, zu lesen. Wie Schuppen fiel es ihm vor den Augen. Der HERR nimmt mich auf!
Dabei ist der Betende in Psalm 27 zuerst ein Suchender, ein Rufender: Vernimm, o HERR, mein lautes Rufen; sei mir gnädig, und erhöre mich! Verbirg nicht dein Gesicht vor mir; weise deinen Knecht im Zorn nicht ab! Du wurdest meine Hilfe. Verstoss mich nicht, verlass mich nicht, du Gott meines Heiles! (Psalm 27,7-9) In ähnlicher Sehnsucht wandte sich Bruder Hans an Gott. Und aus diesem Suchen und Schreien entstand dem Psalmbeter wie auch Br. Hans die Gewissheit: Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf. Es ist wie der Spruch Jesu in der Bergpredigt: Wer sucht, der findet (Mt 7,7). Mehrmals betont Bruder Hans, dass Psalmvers 27,10 (Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf) sein Motto ist; aber nicht ohne die Such- und Ruf-Sätze der vorangehenden Verse (7-9) zu verstehen ist. Es war und ist ein Prozess.
Bald merkt Bruder Hans, dass ihm etwas fehlt. Es kann nicht nur die Ausrichtung auf Gott hin sein. «Die Horizontale Ebene fehlt», wenn nur die Ausrichtung auf Gott, die Vertikale zählt, betont er. Nur nach Oben kann keine Lösung sein. So machte er sich auf die Suche nach Menschen. Sei dies die Gemeinschaft der Kapuziner oder im Denken der Befreiungstheologie die Armen. Bruder Hans nimmt einen Konflikt wahr zwischen der Horizontalen, die nicht immer trägt, und dem Wenn mich auch Vater und Mutter verlassen, der HERR nimmt mich auf, der Horizontalen. Die Horizontale ist nicht perfekt; sie ist menschlich. Spannend im Leben von Hans Portmann ist ein Berufungserlebnis. Vor dem Ordenseintritt lernte er Schreiner. Und da wurde an die Hobelbank geklopft und er zur Nachfolge eingeladen. Eine Stimme forderte ihn auf zu folgen.
… das rechte Empfinden …
Bruder Hans ist in der franziskanischen Spiritualität zu Hause. Doch kennt das Gemeinschaftsleben auch Konflikte. Auch darin trägt die Ausrichtung auf Gott hin. Folgendes Gebet trug und begleitete Bruder Hans durch all die Jahre: Höchster, glorreicher Gott, erleuchte die Finsternis meines Herzens und schenke mir rechten Glauben, gefestigte Hoffnung und vollendete Liebe. Gib mir, Herr, das rechte Empfinden und Erkennen, damit ich deinen heiligen und wahrhaften Auftrag erfülle. Besonders das rechte Empfinden betont Bruder Hans aus dem Franziskus-Gebet. Franz von Assisi hatte es in seinem Suchen im 12. Jahrhundert oft gebetet, wenn er sich in seiner Suche auf Gott hin ausrichtete. «Besonders in schwierigen Lebensphasen trägt mich dieses Gebet und die Ausrichtung auf Gott hin», ergänzt Bruder Hans nachdenklich.
Die Spannung zwischen der konfliktreichen Horizontalen und der tragenden Vertikalen begleitete Bruder Hans ein Leben lang, schon im dem Theologiestudium. Bruder Hans wurde von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie sehr angesprochen und geprägt. Er verbrachte einige Jahre in Peru. Auf der Horizontalen die Armen und dann Gott, die Kraft zum Leben, auf der Vertikalen. Es blieb ihm die Erfahrung, vor Gott bin ich allein. Der Einsatz in Peru weitet sein Denken. Bruder Hans wird grosszügiger und toleranter. Seine Kindheits- und Jugenderfahrungen prägen weiterhin: Die Eltern fehlen, Gott ist da.
Mich mögen – ein Buchtipp
Lesen ist nicht nur eine Leidenschaft für Bruder Hans, sondern auch ein Suchen nach Antworten zu Lebensfragen, ein wichtiges Spüren und Empfinden. Thematisch geht es oft um die Frage nach dem Leben in Gemeinschaft. Er trifft auch Menschen für geistliche Gespräche, welche ihm Weisheit vermitteln konnten. Oft zog er sich in Exerzitien, zu geistlichen Übungen zurück. Seine langjährige Erfahrung: «Soziologie und Psychologie tragen mich nicht wirklich, auch die Befreiungstheologie hat ihre Grenzen».
Vor einem Jahr wurde Bruder Hans das Buch Wie ich der wurde, den ich mag von Pierre Stutz geschenkt (Verlag bene! 2023). Besonders wichtig ist ihm heute der Satz Es ist nie zu spät so zu werden, wie wir von Anfang an gemeint sind: geborgen und frei. «Der erzählt ja meine Geschichte, das isch mis Buech», geht Bruder Hans durch den Sinn und er liest und findet sich selbst darin. «Pierre sagt nicht, du musst, du sollst. Er beschreibt und erzählt, was er erlebt hat», betont Bruder Hans.
Dabei ist Pierre Stutz für Bruder Hans kein Unbekannter. Die beiden kennen sich vom Theologie-Studium her und hatten teilweise miteinander gearbeitet. Pierre Stutz hatte eine grosse Begabung mit Jugendlichen, Jugendgruppen, Jungwacht und Blauring umzugehen. Eines Tages fragte Pierre Stutz Bruder Hans, Priester, für eine Eucharistiefeier mit einer Jugendgruppe. Dabei merkte Bruder Hans, dass Pierre Stutz anders ist, andere Erfahrungen hat. Aber eben, jeder muss für sich finden: Es ist nie zu spät so zu werden, wie wir von Anfang an gemeint sind: geborgen und frei.
Ein weiterer bedenkenswerter Satz von Pierre Stutz, der Bruder Hans wichtig geworden ist: Ich habe die schmerzliche und zugleich heilsame Erfahrung gemacht, dass Brüche im Leben zu einem Durchbruch zu mehr Lebendigkeit werden können. Bruder Hans erfährt mit der Auseinandersetzung dieses Buches: Es gibt nicht nur die Gottes- und Nächstenliebe, nein zuerst muss man sich auch selber lieben lernen, bevor man andere Lieben kann. Auch dies, eine wichtige Entdeckung.
Bruder Adrian Müller