Der Herr hat uns einen Bruder gegeben
Unsere Gemeinschaft hat einen neuen Mitbruder erhalten: Bruder Ferdinand Pappachan. Am Mittwochabend ist Bruder Ferdinand nach Luzern gekommen. Hinter ihm liegt eine lange Reise, nicht nur geografisch von Indien über Belgien und Deutschland in die Schweiz, sondern auch eine beeindruckende persönliche und geistliche Weggeschichte. Die Brüder warteten bereits auf seine Ankunft und hiessen ihn herzlich willkommen.
Seine Berufung begann schon in jungen Jahren. Kapuziner besuchten seine Schule, sein Elternhaus und seine Pfarrei, die seit über 500 Jahren franziskanisch geprägt ist und den Namen des heiligen Antonius von Padua trägt. Die Begegnungen mit den Brüdern, die Predigten, die Exerzitien und die Lektüre des Lebens des heiligen Franziskus liessen in ihm eine Berufung wachsen, die ihn bis heute trägt. Besonders angezogen hat ihn die Brüderlichkeit der Kapuziner.
Wer Bruder Ferdinand begegnet, trifft auf einen Menschen, der gerne Brücken baut. Er studierte Theologie an der Katholischen Universität Leuven in Belgien und promovierte später in Vinzenz Pallotti Universität, Vallendar in Deutschland. Seine wissenschaftliche Arbeit kreist um Fragen, die heute aktueller denn je sind: Wer ist Jesus Christus in einer pluralen Welt? Wie können Religionen miteinander in einen ehrlichen Dialog treten? Und welche Inspiration kann Franz von Assisi für ein friedliches Zusammenleben der Menschen geben?
Dabei verbindet er auf besondere Weise verschiedene Welten. Die asiatische Sensibilität für Symbole, Gemeinschaft und Ausdruckskraft begegnet bei ihm der europäischen Tradition des Nachdenkens, der Analyse und der Kontemplation. Für ihn sind diese Perspektiven keine Gegensätze, sondern eine gegenseitige Bereicherung.
Neben seiner akademischen Tätigkeit war Bruder Ferdinand auch in der Ausbildung junger Ordensleute sowie in Leitungsverantwortung als Guardian und Rektor tätig. Aus diesen Erfahrungen hat er gelernt, dass Führung vor allem bedeutet, selbst Bruder unter Brüdern zu sein. Die Begleitung junger Menschen empfindet er bis heute zugleich als Herausforderung und als grosse Freude.
Was ihn als Franziskaner besonders bewegt, ist die Freude. Nicht bloss ein gutes Gefühl, sondern die tiefe Freude, Bruder für andere zu sein. Für ihn braucht die Welt Menschen, die zuhören, mittragen, Hoffnung teilen und einen Ort schaffen, an dem andere ankommen können. Franziskus nannte seine Gefährten einfach Brüder. Genau dieses Ideal prägt auch Bruder Ferdinand.
Wer mit ihm ins Gespräch kommt, entdeckt ausserdem einen begeisterten Reisenden. Historische Orte faszinieren ihn ebenso wie Musik. Die Schweiz bezeichnet er voller Vorfreude als eines der schönsten Länder der Welt und freut sich darauf, ihre Landschaften, Menschen und Geschichten näher kennenzulernen.
Ganz neu ist Luzern für ihn allerdings nicht. Seit 2013 war er immer wieder zu Gast im Wesemlin. Die Gemeinschaft hat er schon damals als lebendig, herzlich und von echter Sorge füreinander geprägt erlebt. Nun freut er sich, nicht mehr Besucher, sondern Teil dieser Brüdergemeinschaft zu sein.
Natürlich hat Bruder Ferdinand an seinem ersten Abend bereits wichtige Schweizer Lerninhalte vermittelt bekommen: den Unterschied zwischen «en Guete» und einem bloss guten Appetit sowie die hohe Kunst, Umlaute richtig auszusprechen. Die Einführung in die Luzerner franziskanische Kultur hat also bereits begonnen.
Auf die Frage, wie er sich selbst den Menschen vorstellen möchte, antwortete er mit einem einzigen Wort: «Ein Bruder.»
Wir freuen uns, dass Bruder Ferdinand Pappachan nun Teil unserer Gemeinschaft ist, und wünschen ihm im Kapuzinerkloster Wesemlin einen gesegneten Start. Wer künftig unsere Klosterkirche oder das Kloster besucht, wird ihm vielleicht begegnen: einem Theologen mit weitem Horizont, einem Franziskaner mit grossem Herzen und vor allem einem Bruder.
- bruder george