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Wenn der Himmel aufgeht

Die folgenden Überlegungen gründen in der Predigt von Bruder Josef Regli vom 1. Januar, gehalten zum Neujahr und Marienfest.

Was wünschen wir einander eigentlich, wenn das Jahr sich wendet? Gesundheit, Glück, ein leichtes Leben – Worte, die wir fast im Vorbeigehen sprechen, als wären sie Münzen, die wir einander zuwerfen. Doch was trägt, wenn die Wünsche auf die Wirklichkeit treffen?

Maria, die Mutter Jesu, könnte uns da eine überraschende Lehrmeisterin sein. Ihr Leben war keine Aneinanderreihung erfüllter Neujahrswünsche. Ihr wurde zwar der Himmel geöffnet – ein Engel erschien, sprach von Gnade und Gegenwart Gottes. Doch dann kam alles anders: hochschwanger auf staubigen Wegen, kein Platz in der Herberge, ein Stall als Kreißsaal. Man könnte fragen: Wo war da die versprochene Begleitung?

Und dennoch – gerade da brach etwas auf. Die Hirten kamen, erkannten das Unfassbare im Gewöhnlichen. Maria bewahrte diese Widersprüche in ihrem Herzen wie kostbare, rätselhafte Steine. Sie lernte wohl etwas, das wir oft erst spät begreifen: dass Gott nicht in unseren Komfortzonen wohnt, sondern dort, wo wir meinen, verlassen zu sein.

Jesus lebte später diese radikale Nähe Gottes weiter – zu den Abgeschobenen, den Leidenden, jenen am Rand. Es brachte ihm Konflikt und schließlich den Tod. Maria musste zusehen, wie ihr Sohn zerbrach. Ihr Glaube wurde nicht bestätigt, sondern herausgefordert bis zum Zerreißen. Und doch: Am Ostermorgen ging der Himmel wieder auf. Die Liebe erwies sich als stärker, als tiefer wurzelnd als jede Verzweiflung.

Was heißt das für uns, die wir ins neue Jahr blicken? Vielleicht dies: Dass wir nicht auf ein Leben ohne Brüche hoffen müssen. Dass Gott nicht dort ist, wo alles glattläuft, sondern gerade da, wo es rau wird. Dass die Momente, in denen „der Himmel aufgeht", oft unverhofft kommen – in einer Begegnung, einem Wort, einem stillen Innehalten.

Vertrauen bedeutet dann nicht, dass alles gut wird, sondern dass wir auch im Schweren gehalten sind. Dass unsere Bestimmung sich nicht gegen die Wirklichkeit, sondern mitten durch sie hindurch verwirklicht. Dass wir – wie Maria – lernen dürfen, die Widersprüche auszuhalten und darin einen tieferen Sinn zu erahnen.

So wünschen wir allen, die unsere Webseite besuchen und begleiten: ein Jahr, in dem Sie wach sind für diese Augenblicke. Ein Jahr, in dem Sie spüren dürfen, dass Sie nicht allein unterwegs sind – gerade auch dann, wenn der Weg steinig ist. Möge sich der Himmel für Sie öffnen, auf Ihre ganz eigene Weise.

Denn am Ende zählt nicht, ob alles leicht war, sondern ob wir dem Leben vertraut haben – mit all seinen Tiefen und Höhen. In diesem Sinn: ein gesegnetes, wahrhaftiges neues Jahr.


Allen Leserinnen und Lesern unserer Webseite wünschen wir von Herzen ein gutes neues Jahr – mit diesen Gedanken als Wegbegleitung.

- bruder george